Inhaltsverzeichnis

1. Maria Montessoris Lebenslauf und die Beschreibung Ihrer Persönlichkeit
2. Casa dei bambini
3. Die Bewegung
4. Das Diplom
5. Das Montessori Arbeitsmaterial
6. Kurzer Überblick über die Maria Montessori-Methode
7. Die Rechte des Kindes
8. Bedingung der Erziehung: Verständnis der Erwachsenen
9. Relevanz und Verbreitung des Modells Maria Montessoris in Kultur und Praxis
10. Quellennachweis

 

1. Maria Montessoris Lebenslauf und Beschreibung Ihrer Persönlichkeit

 

 Sie wird im Jahr der staatlichen Einigung Italiens, am 31. August 1870 in Chiaravalle in der Provinz Ancona in Italien geboren.

 

1.1 Die Eltern von Maria Montessori

 

Ihr Vater, Alessandro Montessori (1832-1915), ist Finanzbeamter, die Mutter, Renilde Montessori, geborene Stoppani (1840-1912), stammt aus einer Gutsbesitzerfamilie und ist die Nichte des hervorragenden Naturwissenschaftlers Antonio Stoppani, der sich durch liberale Äußerungen zu Zeitfragen einen Namen gemacht hat.

 

Der Vater, eher einer kleinbürgerlichen Schicht zuzuordnen, sein Vater ist Angestellter in einer Tabakhandlung in Bologna gewesen, entwickelt deutlich konservative Züge. Hingegen ist die Mutter hochgebildet und vertritt liberale Ansichten. Sie reagiert Zeitveränderungen gegenüber aufgeschlossen.

 

Maria Montessoris Vater Alessandro hatte Arithmetik und Rhetorik studiert und wird 1850 Angestellter in der Finanzbürokratie des Vatikans. 1863 wird er Inspektor für die Abgaben der Salz- und Tabakindustrie in der Finanzverwaltung der Romagna. In dieser Funktion kontrolliert er 1865 in Chiaravalle die dortige Tabakindustrie und lernt dort Renilde kennen. Sie heiraten 1866. 1873 wird Alessandro nach Florenz versetzt. 1875 wird er nach Rom versetzt, wo dann das Ehepaar Montessori bis zu seinem Tod leben wird.

 

Die Biographin Maria Montessori´s, Rita Kramer, schildert das Ehepaar Montessori:

 

Alessandro Montessori

Abbildung 1
Alessandro Montessori


Renilde Montessori

Abbildung 2
Renilde Montessori

“Sie waren ein anziehendes Paar: Er mit lockigem, dunklem Haar und einem dunklem Schnauzbart, sie rundlich, wie es Mode war, rundäugig und mit sanften Zügen. Wenn sie in der Stadt spazieren gingen, Alessandro in einem Straßenanzug, geschmückt mit einer baumelnden Uhrkette, und Renilde in wohlanständigem Schwarz, den Spitzenkragen mit einem kleinen, goldenen Kreuz verziert und eine Rose, in den auf dem Kopf hoch aufgetürmten Locken, erschienen sie einem Bild der Achtbarkeit und Prosperität” (Prosperität = Wohlstand, Blüte, Duden)

 

 
 

1.2 Beschreibung der kleinen Maria

 

Renilde erzieht ihr einziges Kind zur Selbstdisziplin. Auch soll Maria für arme Familien stricken und ein behindertes Kind in der Nachbarschaft bei Spaziergängen begleiten. Aussagen zur Kindheit Maria Montessoris bieten ihre beiden Mitarbeiter: Anna Maccheronis, die sie 1907 kennenlernte und Edward M. Standing, den sie 1921 kennenlernte. Maria besaß schon als Kind ein starkes Gefühl für persönliche Würde und konnte andere Kinder durchaus verbal herabsetzen. Außerdem soll sie auch schon als Kind eine friedensstiftende Wirkung gehabt haben. Standing berichtet:
“Frieden zu stiften – und allen Benachteiligten zu helfen – sollte ihr ganzes Leben lang ihr Hauptanliegen sein.”
Als ihre Eltern sich stritten, soll Maria einen Stuhl zwischen beide geschoben haben, sich darauf gestellt und die Hände der Eltern ineinander gelegt haben. Sie soll, allen Berichten nach, als Kind selbstbewußt, willensstark aber auch selbstgefällig und deutlich Ichbezogen gewesen sein. Sie hatte keine Geschwister und genoß die völlige Zuwendung ihrer Eltern, was sicher auch zu der Entwicklung ihrer Charakterzüge beitrug. Mit fünf Jahren zieht Maria mit ihren Eltern nach Rom, eine Stadt, die durch anregende Atmosphäre fasziniert und wesentlich bessere Bildungsmöglichkeiten bietet als die Provinz. Maria wächst dann in Rom auf.

 

1.3 Montessoris Grundschulzeit

 

Sie scheint in der Grundschule zunächst keinerlei Ehrgeiz zu haben. Standing berichtet von einer Erinnerung Maria Montessoris aus der Schule:
“Eine unserer Lehrerinnen war von der fixen Idee besessen, das Auswendiglernen von Lebensläufen berühmter Frauen müsse uns zur Nachahmung anspornen. Jede ihrer Erzählungen schloß mit der Mahnung: “Auch Ihr solltet nach Ruhm streben! Möchtet ihr denn nicht berühmt werden?” – “Oh nein” gab ich ihr eines Tages trocken zur Antwort, “Ich will nicht berühmt werden. Ich habe viel zu viel Mitleid mit den Kindern der Zukunft, als daß ich die Liste um eine Biographie verlängern möchte.”

 

Die Klassen waren damals überfüllt und die LehrerInnen schlecht ausgebildet. Die damaligen Schulen vermochten geistige Kräfte nicht zu entwickeln und vertraten die Stock- und Paukdidaktik. Es überrascht nicht, daß sich Maria trotz ihrer hohen Intelligenz nicht auszeichnet. Allmählich sucht sie dann doch den schulischen Erfolg. Sicher hat ihre Mutter hier eine Rolle gespielt. Sie wollte für ihre Tochter eine hochqualifizierte Ausbildung und spätere Berufstätigkeit. Maria beginnt intensiv zu lesen und beschäftigt sich vor allem mit Mathematik. Gegen Ende der Grundschulzeit nimmt sie das Mathematikbuch sogar zu Theaterbesuchen mit, um es während der Vorstellung zu studieren.

 

1.4 Maria geht zur Sekundarschule (1883)

 

Maria Montessori

Abbildung 3
Maria Montessori, 1880

Nach der sechsjährigen Grundschule tritt sie mit dreizehn Jahren, im Herbst 1883, in die “Regia Scuola Tecnica Michelangelo Buonarotti” ein. Dies ist eine naturwissenschaftlich – technische Sekundarschule mit dreijähriger Unterstufe, der sich ein vierjähriger weiterführender Kurs anschließt. Der Abschluß berechtigt zum Hochschulstudium. Die Unterrichtspraxis ist lehrbuchorientiert. Selbständiges Erkunden und Erforschen von fachlichen Zusammenhängen gibt es nicht.
Möglicherweise haben sich hier erste Aspekte eines Konzepts selbstaktiven Lernens bei Montessori herausgebildet. Denn Selbständigkeit und eigenes Tun ist ja zentrales Element ihrer Entwicklungspädagogik.

 

Der Fächerplan ist modern: Dem dreijährigem Kurs mit Mathematik, Französisch, Buchhaltung, Geschichte, Erdkunde und eine Einführung in die Naturwissenschaften, folgt der vierjährige Kurs mit modernen Sprachen (Englisch, Französisch, Deutsch) Mathematik, Physik und Chemie, dazu kommen noch “kommerzielle Fächer”. Aus dem Lehrbuch wird vom Lehrer vorgetragen, der Lehrbuchtext muß auswendig gelernt und im Gedächtnis behalten werden. Schulischer Unterricht ist präzise Reproduktion gespeicherten Wissens. Die Entscheidung für diese Schule war damals höchst ungewöhnlich. Mädchen gingen äußerst selten in die Sekundarschule und wenn dann auf das “Ginnasio”, weil es gesellschaftlich brauchbare humanistische Allgemeinbildung vermittelte.
Maria spielt mit dem Gedanken Ingenieur zu werden. Die Eltern bevorzugen den Lehrerberuf als Ausbildungsziel. Doch die Mutter stellt sich auf Marias Seite und unterstützt sie. Alessandro Montessori sieht in dem Wunsch der Tochter eine Neuerung, die mit seiner konservativen Weltanschauung nicht zu vereinbaren ist.
Kramer sieht in der Tatsache, daß Maria Montessori dieses Drillsystem mit vorzüglichen Leistungen absolviert und trotzdem später in kreativer Weise eine neue und weltweit rezipierte Erziehungskonzeption zu schaffen vermag, zu Recht, einen eindeutigen Beleg für die “Genialität” Maria Montessoris.

 

1886 machte sie den Abschluß des dreijährigen Kurses mit guten Leistungen in allen Fächern und besucht den weiterführenden vierjährigen Kurs. Auch hier ist sie erfolgreich. Insbesondere ihre Leistungen in Mathematik sind hervorragend. Gegen Ende der Institutzeit ändert sich ihr Berufsziel. Sie will Ärztin werden und Medizin studieren. Ihr Vater wird 1890 mit dem drängenden Wunsch seiner zwanzigjährigen Tochter konfrontiert, Ärztin werden zu wollen, obwohl der Arztberuf eine absolute Domäne des Mannes war. Es gab in Italien keine einzige Ärztin. Sich ihm gegenüber durchzusetzen gelingt ihr soweit, daß er das Studium nicht verbietet, sich aber deutlich von ihr distanziert.

 

Sie führt mit dem Professor für klinische Medizin an der Universität in Rom ein Gespräch, um die Zulassung zur Aufnahme zu erreichen. Der Versuch endet negativ. Montessori soll nach dem Gespräch gesagt haben: “Ich weiß, daß ich Ärztin werde”.

 

1.5 Die Studienzeit Montessoris beginnt (1890)

 

Das Medizinstudium bestand aus zwei vormedizinischen naturwissenschaftlichen Studienjahren (Botanik, Zoologie, Physik und Chemie) und aus vierjährigen Kursen in Pathologie, Anatomie und klinischer Medizin. 1890 schreibt sich Montessori als Studentin der Mathematik, Physik und Naturwissenschaften an der Universität Rom ein und konzentriert sich auf die vormedizinischen Fächer. 1892 legt sie die Prüfung auch in Latein und Italienisch mit sehr gutem Erfolg ab und bekommt damit das Berechtigungszertifikat (Diploma di licenza) um das klinische Studium der Medizin studieren zu können. Sie stellt den Antrag und setzt sich für die Zulassung ein.

 

Kramer ist Zeitungsmeldungen nachgegangen, die behaupten, Papst Leo XIII habe sich für die Zulassung von Maria Montessori ausgesprochen.

 

1.6 Montessori beginnt das Medizinstudium (1892)

 

Sie beginnt im Herbst 1892 das Medizinstudium. Die Studienbedingungen gleichen der Unterrichtspraxis in den Schulen. Prüfungen beziehen sich auf Vorlesungen, deren Inhalt genauestens wiedergegeben werden müssen. Man kann sich Skripte ausleihen und den Lehrstoff am Semesterende aneignen.

 

Montessori lebt weiterhin bei Ihren Eltern, besucht die Vorlesungen und arbeitet zu Hause ihre Notizen durch. Sie ist nicht nur intelligent und fleißig, sondern auch dem Leben außerhalb des Studiums nicht abgeneigt. Sie ist hübsch, kleidet sich adrett, hat gepflegte Umgangsformen und ißt gerne.

 

Im Studium fällt sie in zweifacher Weise auf: Einmal als Frau und als fleißige und lernbegierige Studentin.

 

Standing bringt dazu ein Beispiel, daß ihren Lerneifer verdeutlicht: Einen Bericht über einen Professor der Medizin, der während der Studienzeit Montessoris Dozent war.

 

“An einem seiner Vorlesungstage tobte in Rom ein so gewaltiger Schneesturm, daß alle Hörer wegblieben, bis auf einen allerdings, und das war die “Hörerin”. Als sie sich nun allein im Hörsaal fand schlug sie dem Dozenten bescheiden vor, die Vorlesung zu verschieben, wovon er aber nichts wissen wollte, denn solcher Eifer mußte seiner Meinung nach belohnt werden. Also hielt er seine Vorlesung wie immer – nur diesmal vor einer einköpfigen Hörerschaft.”

 

Ihre Mutter unterstützt Maria im häuslichen Studium. Ihr Vater distanziert sich von ihr. Die Distanz ihres Vaters belastet sie stark, aber glücklicherweise löst sich dieser Konflikt gegen Ende des Studiums auf.

 

1.7 Die erste Vorlesung in Anatomie

 

Maria Montessori schreibt während ihrer Studienzeit einen Brief an Clara, den Rita Kramer erschlossen hat. Er berichtet von den persönlichen Problemen der jungen Medizinstudentin in der Anatomie und im Umgang mit dem Menschen als Leiche. Die erste Vorlesung fand im “Anatomischen Institut” statt. Montessori war abgestoßen von den Skeletten, Organen und Eingeweiden, die in Spiritus eingelegt waren. Die Leichen und die Knochen, mit herabhängendem rosa Fleisch, machten ihr Angst und ihr wurde schlecht.

 

Der Weg, ihr Ziel zu verwirklichen erschien ihr fürchterlich und sie dachte daran, ihr Studium aufzugeben. Auch ihre Eltern rieten ihr dazu.

 

1.8 Ein Schlüsselerlebnis Maria Montessoris

 

Eine Szene aus ihrem Leben wurde berühmt dafür, daß sie das Studium fortgesetzt hat. Die Szene wird auch als Schlüsselerlebnis zur Begründung des Studiums bezeichnet:”Eines Tages war sie verzweifelt, daß sie sich dem ungleichen Kampf nicht mehr gewachsen fühlte. Als sie an diesem Abend die Anatomie verließ, war sie entschlossen, die Waffen zu strecken und nach einem anderen, weniger steilen Pfad zu suchen. Ihr Heimweg führte damals durch den um diese Stunde fast menschenleeren Pincio-Park. Während sie noch über ihren Entschluß nachgrübelte, kam sie an einer ärmlich gekleideten Frau mit einem kleinen, etwa zehnjährigen Kinde vorüber. Die unordentliche, schmutzige Person, offenbar eine gewerbsmäßige Bettlerin, begann sogleich um Almosen zu flehen. Während die Mutter ihr Klagelied sang, saß das kleine Wesen völlig unbeteiligt am Boden und spielte mit einem bunten Papierfetzen. Der Ausdruck glücklicher Selbstvergessenheit auf dem Gesichtchen des mit ganzer Seele seinem wertlosen Spielzeug hingegebenen Kindes, erregte in der zuschauenden Studentin ein Gefühl, daß kaum besser als mit dem Vers Matthews Arnolds beschrieben werden kann: “Ein Riegel wurde in der Brust zurückgestoßen und ein verlorenes Gefühl ward neu.”

 

Ohne sich deuten zu können, was sie empfand, machte sie kehrt und ging geradewegs in die Anatomie zurück. Von Stund an war ihr Widerwille gegen die unsympathische Stätte erloschen und erwachte niemals wieder. Als sie später einmal von diesem Vorfall erzählte, sagte sie: “Erklären kann ich es nicht. So ist es gewesen. Vermutlich kommt ihnen diese Geschichte ziemlich dumm vor, und wenn Sie sie jemand erzählen, würde er sie lächerlich finden.”

 

Die Szene gewinnt an Authentizität wenn man bedenkt, daß Maria Montessori sich in ihren beiden letzten Jahren vor ihrer Promotion zur Expertin für Kinderkrankheiten ausbildet und mit kranken und geistig behinderten Kindern im Krankenhaus und in der Psychiatrie Umgang hat.

 

Die spätere Theorie Montessoris lautet: “Auch das leiblich – organisch gesunde Kind, kann “krank” sein, das heißt nicht “normal” sein und bedarf entsprechender Zuwendung und spezifischer Mittel, um sich durch die eigenen Kräfte mit Hilfe der Mittel zu normalisieren.”

 

1.9 Zur Studienzeit von 1894 bis 1896

 

1894 gewinnt sie auf Grund ihrer Leistungen in Pathologie einen Preis der Rolli – Stiftung (Abteilung für Chirurgie) und 1895 einen Wettbewerb um eine vorzeitige Assistentenstelle in der Klinik. Sie sammelt früh praktische, klinische Erfahrungen. 1895 / 1896 arbeitet sie am Frauenkrankenhaus “San Salvatore al Laterno” und am Männerkrankenhaus “Ospedale Santo Spirito in Sassia” als Hilfsassistenzärztin, außerdem in der Ambulanz des römischen Kinderkrankenhauses und assistiert bei Operationen auf der Unfallstation im Notdienst.

 

In den beiden Jahren vor dem Examen spezialisiert sich Maria Montessori auf Kinderheilkunde und wird Expertin für Kleinkinderkrankheiten. In der psychiatrischen Klinik sammelt sie Material für die Doktorarbeit, die sich mit klinischen Problemen des Verfolgungswahns beschäftigt.

 

Jeder Medizinstudent war verpflichtet im letzten Studienjahr vor seinen Mitkommilitonen einen Vortrag zu halten.

 

Viele Zuhörer kamen nicht aus Interesse am Vortrag Montessoris, sondern in der Hoffnung auf einen Skandal. Sie behandelte ihr Thema ausgezeichnet, trug es brillant vor und faszinierte die Zuhörer durch ihre Persönlichkeit.

 

Am Morgen des Vortrages trifft Allessandro Montessori in der Stadt einen Freund, der ihn fragt, ob er denn nicht zu dem Vortrag seiner Tochter geht. Der Vater, der das berufliche Interesse seiner Tochter vollständig ignoriert, weiß nichts von dem Vortrag, geht aber, nachdem er überredet wird, mit. Nach der Vorlesung wird A. Montessori von vielen Menschen umringt, die ihn zu seiner Tochter beglückwünschen.

 

Nach Standing hat sich die Entfremdung zwischen Vater und Tochter in dieser dramatischen Szene gelöst.

 

1.10 Montessori erhält das Promotionsdiplom

 

1896 legt Maria Montessori ihre Doktorarbeit zum Thema “Contributo clinico allo studio delle Allucinazioni a continuto antagonistico” (Ein klinischer Beitrag zum Studium des Verfolgungswahns) vor, eine Arbeit von 96 handschriftlichen Seiten. Sie erhält als erste Frau Italiens das Promotionsdiplom. Ihre Leistungen sind vorzüglich: Von maximal 110 Punkten erreicht sie 105. Ihre Doktorurkunde muß handschriftlich umgeändert werden, denn der Vordruck sieht nur männliche Absolventen vor. Trotz der damaligen Ärzteschwemme sind die beruflichen Aussichten für Montessori glänzend.

 

Ihr Abschluß wird groß gefeiert. Es ist eine Familienfeier, an der auch der Vater voller Stolz teilnimmt, sowie auch Professoren sie durch ihre Teilnahme am Fest ehren.

 

Die Presse Roms berichtet von der ersten “dottoressa” Italiens. Sie steht jetzt in der …ffentlichkeit. In einem Brief an Clara schreibt Montessori: “Ich bin nicht berühmt wegen meines Könnens oder meiner Klugheit, sondern wegen meines Mutes und meiner Kaltblütigkeit gegen alles.”

 

1.12 Montessori bekommt einen Sohn

 

Am 31. März 1898 wird ihr Sohn Mario geboren. Er ist das Kind der Beziehung zu Dr. Montesano. Sie zieht das Kind nicht selber auf, sondern gibt es zu Bekannten aufs Land, besucht ihren Sohn aber häufig.

 

1913 wird sie dann Mario zu sich nehmen und er wird ihr zuverlässiger, ständiger Begleiter und der Organisator der “Bewegung”.

 

Nach Aussagen des Sohnes Mario war Montesanos Familie und vor allem seine Mutter gegen die Heirat von Montesano und Montessori. Montessori, die ihren Willen eigentlich immer durchgesetzt hat, wird ihre Gründe gehabt haben, Dr. Montesano nicht zu heiraten. Dem Sohn hatten sie auch gesagt, sie hätten einander versprochen, niemals zu heiraten. Montesano habe dieses Versprechen gebrochen und eine andere Frau geheiratet.

 

Kramer: “Vor 75 Jahren hätte die Nachricht, daß sie ein uneheliches Kind zur Welt gebracht habe, die Karriere jeder Frau zerstört, sie hätte Maria Montessori sämtliche Zukunftshoffnungen beendet, jede Möglichkeit, den Beitrag zu leisten, den sie mittlerweile als den wahren Zweck ihres Lebens ansah.”

 

Da sie die Erfahrung missen mußte, ihr Kind zu versorgen, wandte sie sich den Bedürfnissen anderer Kinder zu. Aus Liebe zu ihrem Kind, wurde die Liebe zu allen Kindern. Um 1897 bis 1901 hat sich möglicherweise ein traumatischer Zusammenhang entwickelt, bei der Abneigung gegen Montesano und dem Mann überhaupt, gegenüber Sexualität und Leiblichkeit insgesamt. Es erfolgt eine Kompensation ins Allgemein – Pädagogische. Der Verzicht auf eine eigene Familie wird ausgeglichen durch die familienähnlichen Beziehungen innerhalb der “Bewegung” mit ihren engen Mitarbeitern, meist Frauen, die einen kindähnlichen Status erhalten.

 

Maria Montessori gibt 1902 die Arbeit des Ausbildungsinstituts und der Modellschule auf, an denen sie mit Montesano zusammenarbeitete.

 

1.13 Der Übergang von der Medizin zur Pädagogik

 

Die Jahre von 1896 bis 1906 sind für Maria Montessori eine wohl entscheidende Zeitspanne gewesen. In dieser Phase vollzieht sich der †bergang von der Medizin zur Pädagogik. Sie sieht nicht nur das organisch kranke Kind als hilfsbedürftig an, sondern gelangt zu einem breiteren Verständnis des devianten Kindes. Sie erkennt die Notwendigkeit diesen Kindern zu helfen. Als Brücke zwischen beiden Bereichen stand das behinderte Kind, dem sich sowohl die Medizin, als auch die Pädagogik zuwendet.

 

1.14 1896 bis 1909

 

Maria Montessori

Abbildung 4
Maria Montessori, 1898

Zwischen 1896 und 1909 studiert Montessori die Schriften von Jean Marc Caspard Itard und Eduard Séguin.
Sie setzt sich auch mit den Theorien von Achille de Giovanni (Medizinische Anthropologie) und Cesare Lambroso (Kriminalanthropologie) und ihres Lehrers Giuseppe Sergi (Pädagogische Anthropologie) auseinander. Von Sergi wird sie die quantitativen Methoden exakter Messung der körperlichen Entwicklung übernehmen.

 

Auf dem nationalen Ärztekongreß in Turin 1897 spricht Maria Montessori über die Ursachen von Kriminalität und über den Zusammenhang von Verbrechen, sozialer Not und fehlender Schulreform.

 

Auf dem nationalen Pädagogenkongreß 1898 fordert sie erneut die Beseitigung der sozialen Mißstände durch Schulreformen, insbesondere die Reform der Erziehung geistig behinderter Kinder.

 

Ende 1898 wird Montessori Mitglied der Liga für die Erziehung behinderter Kinder. Hier entwickelt sie aus der Lektüre Itards und Séguins die Konsequenz einer Erziehung des Intellekts durch Schulung der Sinne. Im Kern ist damit schon die spezifische Methode Montessoris skizziert, die sie zu dieser Zeit mit behinderten Kindern praktiziert.

 

Im Sommer 1899 reist sie im Auftrag der Liga zu Vorträgen nach Mailand, Padua, Venedig und Genua. Sie wird ins Kuratorium der Liga gewählt, ist deren Repräsentantin auf dem Frauenkongreß in Rom, hält Vorträge in London und wird von Königin Viktoria empfangen.
Im Herbst 1899 erhält sie eine Dozentur am Lehrerinnenausbildungsinstitut in Rom und liest über Hygiene und Anthropologie. Sie macht sich mit der Geschichte der Pädagogik und mit Erziehungstheorien vertraut.
Nach dem Bruch mit Montesano verläßt sie 1902 ihr Amt als Leiterin des medizinisch – pädagogischen Instituts (mit Modellschule zur Ausbildung von Lehrern für behinderte Kinder), welches im Frühjahr 1900 eröffnet wurde.

 

Neben den übrigen Tätigkeiten beginnt sie ein Studium der Pädagogik, Experimentalpsychologie und Anthropologie.

 

Auf dem zweiten nationalen Pädagogenkongreß in Neapel Ende 1902 stellt sie Séguins und ihre Methode heilpädagogischer Betreuung vor. Seit 1904 hält sie Vorlesungen über Anthropologie und Biologie am pädagogischen Institut der Universität Rom. (1904 bekam sie den Lehrstuhl für Anthropologie).

 

Von 1897 bis 1906 erscheinen weitere medizinische Veröffentlichungen.

 

Noch vor der Eröffnung des ersten “Kinderhauses”, durch welches sie weltweit berühmt wurde, hat sie bestimmte Materialien und eine spezifische Umgebung konzipiert, die sich zum Großteil nicht mehr ändern, deren Grundgedanken sie später jedoch ausweiten wird. Vor allem die Anwendung der “Methode” im Grundschulbereich wurde außerordentlich erfolgreich.

 

Sie baut einen Theoriezusammenhang auf, den sie in Vorlesungen von 1904 bis 1908 entfaltet und in ihrem zweiten Buch “L´ Antropologia pedagogica” (Pädagogische Anthropologie) von 1910 darstellt.

 

Grundlage ihrer Methode ist die Beschreibung von Meßverfahren und die Beachtung der Eigenaktivität des Kindes, außerdem eine Konzeption der spezifischen Umgebung und spezifischer Materialien sowie die Methode der Vermittlung dieser. Den Umgang mit der Umgebung, Kriterien und Instrumente zur Erfassung der Wirkung dieser Umgebung und schließlich eine anthropologische Konzeption vom Wesen des Kindes, liegen schon weitgehend ausgearbeitet vor der Eröffnung des Kinderhauses vor.

 

1.15 Eröffnung der ersten “casa dei bambini”

 

Am 6. Januar 1907 wird das erste “Kinderhaus” (casa dei bambini) im römischen Stadtteil San Lorenzo eröffnet.

 

1.16 Erster Ausbildungskurs und “Il metodo” (1909 bis 1912)

 

Im Sommer 1909 hält Montessori ihren ersten Ausbildungskurs über ihre Methode in “Città di Castello” ab. Im Anschluß daran verfaßt sie innerhalb eines Monats den Text zu “Il metodo”. Das Erscheinen dieses Buches macht sie schlagartig berühmt. Es wird in den nächsten Jahren in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und erlebt 1912 in der englischen Fassung in den USA einen überwältigenden Erfolg.

 

Die englische Ausgabe wurde in Höhe von 5000 Exemplaren innerhalb weniger Tage vergriffen. In England wird die Montessori-Gesellschaft gegründet und in den USA ein Montessori-Komitee. In Rom hält sie den ersten internationalen Ausbildungskurs ab.

 

1911 wird die Montessori Methode in englischen und argentinischen Schulen praktiziert und in italienischen und schweizerischen Volksschulen eingeführt. Modellschulen entstehen in Paris, New York und Boston.

 

1.17 Montessoris Mutter stirbt

 

Am 20.12. 1912 stirbt Renilde Montessori und seit dem kleidet sich Maria Montessori nur noch schwarz.

 

1.18 Erste Reise in die USA (1913)

 

Ihre erste Reise in die USA unternimmt sie 1913 und dort gelingt ihr der internationale Durchbruch. Sie wird eine weltberühmte Frau, die erste Pädagogin von internationalem Rang. Es wird die amerikanische Montessori-Education-Society gegründet.

 

1.19 Zweiter Ausbildungskurs und Erscheinen des zweiten Buches zur Methode

 

Maria Montessori

Abbildung 5
Maria Montessori, 1914

Nach der Rückkehr nach Italien findet in “Castell Sant« Angelo” der zweite internationale Ausbildungskurs statt. 1914 erscheint ihr zweites Buch zur Methode “Dr. Montessoris own handbook” (Mein Handbuch).

 

1.20 Zweite Reise in die USA und Tod des Vaters

 

1915 reist Montessori zum zweiten mal in die USA, zusammen mit Mario und hält einen Ausbildungskurs. Im November stirbt ihr Vater, Mario bleibt in Kalifornien und Maria kehrt nach Italien zurück. 1916 geht sie nach Barcelona, auf die Einladung der Stadtverwaltung hin. Dort bleibt ihr Wohnsitz bis zur Machtübernahme Francos (1936)

 

1.21 1917 bis 1922 – Dritte Reise in die USA und Vorträgen

 

1917 hält sie Vorträge in den Niederlanden, wo die niederländische Montessori Gesellschaft gegründet wird. Sie fährt zum dritten Mal in die USA.

 

1919 bis 1922 hält sie Vorträge in Amsterdam, Paris, Mailand und Rom sowie in Neapel und Berlin.

 

1.22 Montessori – Pädagogik wird zur Erziehungsmethode Italiens

 

1924 wird dann nach der Begegnung mit Mussolini, dem Führer des italienischen Faschismus (Machtübernahme 1922), die Montessori Methode in den italienischen Schulen eingeführt und die Montessori Pädagogik zur internationalen Erziehungstheorie Italiens. Die italienische Montessori Gesellschaft (Opera Montessori) wird von der faschistischen Regierung unterstützt.

 

1926 reist Montessori nach Südamerika und besucht Buernos Aires, La Plata und Córdoba.

 

In Genf spricht sie über Erziehung und Frieden.

 

1.23 Gründung der AMI

 

1929 wird der Association Montessori Internationale (AMI) von Montessori und ihrem Sohn Mario mit Sitz in Berlin gegründet. (Ab 1935 ist der Sitz in Amsterdam). Darüber hinaus findet in diesem Jahr der erste internationale Montessori – Kongreß im dänischen Helsingør statt.

 

Der Zweite findet dann 1932 in Nizza statt und 1933 der Dritte in Amsterdam. Außerdem hält sie Kurse in London, Dublin und Barcelona ab.

 

1.24 1933 Zerstörung der Montessori – Bewegung in Deutschland

 

Es ist das Jahr der Machtübernahme Adolf Hitlers. 1933 zerstört der Nationalsozialismus dann die deutsche Montessori Bewegung.

 

1934 findet der vierte internationale Montessori – Kongreß in Rom statt. Nach dem Konflikt mit dem italienischen Faschismus werden die Montessori Schulen geschlossen, aber ihre Methode wird für die mathematischen Bereiche angewandt.

 

Nachdem in Spanien 1936 der Bürgerkrieg ausbricht, verläßt sie Barcelona und kehrt zurück nach Italien.

 

1936 findet der fünfte internationale Montessori – Kongreß in Oxford und der Sechste in Kopenhagen statt. 1938 findet dann der siebte Kongreß in Edinburgh statt.

 

1.25 Flucht vor dem Faschismus, neuer Wohnsitz bis 1946 in Indien

Montessori verläßt um 1936 an Bord eines englischen Kriegsschiffes Italien und läßt ihren gesamten Besitz zurück. Sie lebt bis 1939 in Amsterdam. Sie verläßt dann Europa um bis 1946 in Adjar (Indien) zu leben. Die Montessori – Bewegung bekommt auch in Indien großen Aufschwung und wird von Ghandi und Tagore unterstützt.

 

1945 findet die allindische Montessori Konferenz in Jaipur statt.

 

1.26 Rückkehr nach Europa (1946)

 

Nach ihrer Rückkehr nach Europa um 1946, gibt sie in London einen Ausbildungskurs, reist dann nach Schottland und wird 1947 die “Opera Montessori” in Italien neu gründen. Es findet die Feier des ersten Jahrestages der Gründung der ersten “casa die bambini” (Januar 1947) statt. Sie plant die Eröffnung einer Montessori – Universität in Madras und reist im Herbst 1947 nach Indien und 1948 nach Ceylon und macht einen Ausbildungskurs in Pakistan.

 

1949 findet der achte internationale Montessori – Kongreß in San Remo statt.

 

1950 unternimmt sie eine Vortragsreise nach Norwegen und Schweden. Danach reist sie zurück nach Italien und besucht Perugia, Chiaravalle und Mailand.

 

1951 findet der neunte internationale Montessori – Kongreß in London statt. Danach reist sie nach Tirol und gibt einen Ausbildungskurs in Innsbruck.

 

1.27 Tod Maria Montessoris (1952)

Maria Montessori

Abbildung 6: Grabstein Maria Montessori in den Niederlanden

Maria Montessori stirbt am 6. Mai 1952 in Nordwijk aan Zee in den Niederlanden und wird auf dem dortigen katholischen Friedhof beigesetzt.

Abbildung 6: Grabstein Maria Montessori in den Niederlanden
Auf ihrem Grabstein steht geschrieben:

 

“Io prego i cari bambini, che possono tutto die unirsi a me
per la costruzione della pacé negli uomini e nel mondo”

 

“Ich bitte die lieben Kinder, die alles können, mit mir zusammen
für den Aufbau des Friedens zwischen den Menschen und in der Welt zu arbeiten”

 

2. Casa dei bambini

 

Rom ist 1870 Hauptstadt des geeinigten Italiens und erlebt zu dieser Zeit einen Bauboom. Geplante Wohnbauten können auf Grund von Boden- und Mietspekulationen nicht zu Ende gebracht werden, in den Ruinen machen sich Kriminalität und Prostitution breit. Im Stadtteil “San Lorenzo” macht sich diese Entwicklung besonders bemerkbar. Bauten werden notdürftig saniert und Familien der unteren Schicht zugewiesen. Damit die Miete gesichert werden konnte, mußten auch die Frauen mitarbeiten, deren noch nicht schulpflichtigen Kinder somit keine Betreuung hatten.
Der Leiter der Sanierungsgesellschaft trat an Montessori heran, mit der Bitte, eine geeignete Betreuungsperson zu finden. Da Montessori schon lange beabsichtigte, ihre Arbeitsmethode von “behinderten” auf “normale” Kinder zu übertragen, nimmt sie die Stelle selbst an. Sie übernimmt die Leitung der ersten “Casa dei bambini”, die am 6. Januar 1907 eröffnet wurde. Die Ausstattung ist ärmlich. Montessori besorgt eine Aufsichtsperson für die 2 bis 6 jährigen ziemlich verwahrlosten Kinder. Sie organisiert durch Spenden Tische und Stühle und Materialien und betreut die Kinder. Sie leitet zwei Jahre lang das Kinderhaus mit einer Gruppe von 50 Kindern und hat eine Mitarbeiterin. Durch den großen Erfolg des Kinderhauses wurden weitere in Mailand und Anfang 1909 auch in der Schweiz gegründet.

 

Mit der Veröffentlichung des ersten Buches “Il metodo della pedagogia scientifica applicato all` educatione infantile nelle case die bambini” (Die Methode der wissenschaftlichen Pädagogik angewandt in der Erziehung der Kinder im Kinderhaus) von 1909 beginnt die internationale Ausbreitung von Kinderhäusern und Montessori – Schulen.

 

In der 4. Auflage von “Il metodo” 1948 (The discovery of the child/ Die Entdeckung des Kindes) beschreibt sie ausführlich die Eröffnung des ersten “Casa dei bambini”. Das besondere an diesem Kinderhaus war, daß sich die Kinder, in kurzer Zeit, von verschüchterten, wilden, unbeholfenen und weinenden Kindern in gesellige und mitteilungsfreudige Kinder verwandelten. Es ergaben sich persönliche Beziehungen untereinander. Sie zeigten außerordentliches Verständnis, Aktivität, Lebhaftigkeit und Selbstvertrauen und ihre Persönlichkeit entwickelte sich.

 

Montessori paßte die Umgebung im Kinderhaus genau der Größe und den Bedürfnissen der Kinder an. Tische und Stühle wurden den Kindern angemessen in der Größe. Sie sind pflegeleicht, also von den Kindern selbst abwaschbar, ebenso wie die Schränke für das Material und kleine Kommoden mit Schubladen und kleine Waschtische. Im Speisezimmer befindet sich kindgemäßes Geschirr und Besteck, Bilder und Pflanzen und Möbel aus Holz vermitteln eine warme, gemütliche und familiäre Atmosphäre.

 

Jedes Kind kann sich frei entfalten und gemäß seinen Impulsen aktiv werden. Die Betreuung der Kinder hat neben dem Material einen großen Einfluß auf die Kinder. Bei der Betreuung wird besonders auf die Würde des Kindes geachtet, das Kind wird respektiert. Es wird weniger gelenkt, es werden nur Anregungen gegeben. Die eigentliche Erziehung geschieht durch die Umgebung, die Materialien und die Tätigkeiten. Die Erziehung Montessoris beschränkt sich bei der Einwirkung Erwachsener auf das Kind, nur auf Hilfen , die vom Kind gewünscht werden, außerdem auf Erläuterungen. Die freie Wahl der Gegenstände und die sich dann vollziehende Selbstaktivierung der kindlichen Kräfte sind entscheidend. Die Kräfte können nach Montessori nicht gesteuert werden. Das Sinnesmaterial ist so gestaltet, daß es dem Kind selbst die Möglichkeit zur Überprüfung der eigenen Leistung gibt, die Erfolgskontrolle durch den Erwachsenen wird überflüssig.

 

“So wird die gesamte Umgebung zu einem strengen Erzieher, zu einem immer aufmerksamen Wachtposten. Jedes Kind empfindet seine Warnungen, als stünde es ganz allein vor diesem unbeseelten Lehrer.”

 

Der größte Teil der Materialien besitzt also eine “eingebaute Fehlerkontrolle”. Dies trägt zur Selbstsicherheit der Kinder bei, da ihnen niemand sagen muß: “Das hast Du falsch gemacht, Du hast einen Fehler gemacht”. Wie freundlich auch immer man das einem Kind sagen mag, es vermittelt ein Gefühl des Versagens, der Schuld und den Vorwurf, den verantwortlichen Erwachsenen enttäuscht zu haben: Ein demütigender Effekt. Unsere Materialien vermitteln kein solches Gefühl der Scham; sie appellieren einfach an das Kind, seine Bewegungen zu perfektionieren, seinen Blick zu schärfen, aufmerksamer hinzuhören. Fehler verlieren so den Beigeschmack des Versagens und werden positive Elemente der Entwicklung: Das Kind wird mit der Tatsache vertraut, daß jedem Vervollkommnungsprozeß Fehler innewohnen. Diese sachliche Fehlerkontrolle führt das Kind dazu, bei seinen †bungen überlegt, kritisch, mit einer an Genauigkeit immer stärker interessierten Aufmerksamkeit, mit einer verfeinerten Fähigkeit, kleine Unterschiede zu erkennen zu verfahren. So wird das Bewußtsein des Kindes auf die Kontrolle der Fehler vorbereitet, auch wenn diese nicht mehr stofflich oder sinnlich wahrnehmbar sind.”

 

Der/die LehrerInn ist geduldig und zeigt die Benutzung des Materials ausführlich. Auch den eigenen Umgang des Kindes mit dem Material beeinflußt sie nicht. Montessori nennt dies die Respektierung der Eigenwürde und der Selbstkraft des Kindes.

 

3. Die Bewegung

 

Wenn eine Idee weltweite Anerkennung gefunden hat, also eine Bewegung geworden ist, die ganze Länder beeinflußt, ergibt sich das Problem der †bermittlung. Maria Montessori identifizierte sich vollständig mit der Bewegung, mit ihrer pädagogischen Idee und ging in der Bewegung völlig auf. Mehr noch: Sie war die entscheidende Persönlichkeit in der internationalen Montessori – Bewegung.
Durch zahlreiche Ausbildungskurse in vielen Ländern bildet sie Montessori – Lehrer aus, die selbst nicht ausbildungsberechtigt sind. Positiv ist dabei, sich die Ausbildungsfunktion vorzubehalten und damit die Reinheit und Authentizität der Erziehungsmethode zu sichern. Die Einheit und Homogenität ihres Werkes wurde so überwiegend beibehalten. Kramer hingegen bewertet diese Dominanz eindeutig negativ und sieht darin eine unproduktive Erstarrung.

 

Negativ dabei ist sicherlich, daß die Weiterentwicklung im Rahmen der Bewegung nicht möglich war. Ein negativer Nebeneffekt der weltweiten Arbeit ergab sich, neben ihrem Nomadendasein, durch die unüberschaubar gewordenen, nicht vollständig veröffentlichten, literarischen Werke, wegen der Interessen spezifischer Länder und verschiedener Standorte der Ausbildungskurse. Die Bewegung Maria Montessoris lebte von ihrem Wort, ihrer Persönlichkeit und ihrem persönlichen Vortrag.

 

4. Das Diplom

 

Von 1909 bis 1951 bildete sie in ihren Kursen ca. 4000 bis 5000 Menschen aus. Nach der bestandenen Prüfung erhielt man ein von ihr unterzeichnetes Diplom, daß den Inhaber berechtigt, eine Montessori – Schule zu eröffnen. Hat man dann zwei Jahre in dieser Schule gearbeitet, bekommt man dies im Diplom bestätigt
Der französische Arzt Jean – Marc Gaspard Itard (1775 – 1838) führte als erster Erzieher die Beobachtung der Praxis durch. Er gilt als Begründer der Heilpädagogik. Insbesondere durch seine beiden Berichte über einen, in den Wäldern von Aveyron aufgewachsenen, sprachlosen elf bis zwölfjährigen Jungen, den er Victor nannte und den er zu erziehen und zu unterrichten versuchte, veranschaulicht er die Ideale der Aufklärungsepoche. Charakteristisch für die Zeit der Aufklärung ist es, jeden Menschen zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft zu erziehen.Während im Mittelalter nur Armen- und Waisenkinder in “Industrieschulen” beschäftigt wurden, damit diese ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und dem Staat nützlich werden, nimmt sich die Aufklärung auch der sinnes- und geistesbehinderten Kinder an. Sie werden hierdurch zur aktiven und produktiven Lebensführung befähigt.
Der Schüler Itards, Eduard Séguin (1812 – 1880), der zuerst Lehrer und dann Arzt war, ging von Itards Versuchen aus. Unter Veränderung und Ergänzung der Methode Itards, wandte er diese an Kindern an und sammelte über einen Zeitraum von zehn Jahren Erfahrung, die er in zwei Berichten festhielt.
Maria Montessori orientiert sich insbesondere am zweiten Hauptwerk Séguins: “Traitement moral, hygiène et éducation des idiots” (1846). Ausgangspunkt der heilpädagogischen Überlegungen Montessoris ist eine Beobachtung bei Besuchen in den römischen “Irrenanstalten”. Sie ist 1897 Assistentin an der psychiatrischen Klinik und besucht Kinder in “Irrenanstalten”, um sie zur Behandlung auszuwählen. Sie stellt fest, daß die Kinder in den Häusern in kerkerartigen Gewölben untergebracht werden. Auch haben sie keinerlei Spielzeug oder Gegenstände, mit denen sie sich haben beschäftigen können.
Maria Montessori sagt dazu: “Ihnen zur Unabhängigkeit von der Hilfe anderer und zur Menschenwürde zu verhelfen, das war eine Aufgabe, die so an mein Herz apellierte, daß ich jahrelang nicht von ihr loskam.”
Der entscheidende Gedanke bei Itard und Séguin ist die “Physiologische Methode” (Séguin): Hierunter ist die Einheit von Intellekt und Sinnestätigkeit bzw. Motorik und die Aktivierung des Intellekts, die Einwirkung auf die Sinne und den Bewegungszusammenhang zu verstehen. Geistige Behindertheit äußert sich ja zunächst als Sinnesschädigung. Die Aktivierung des Geistes geschieht daher über die Übung der Sinne. Maria Montessori experimentiert an der Modellschule mit sinnesaktivierenden Materialien. Sie orientiert sich stark an Séguins Buch und beherzigt Itards großartige Erfahrungen. Sie ließ ein besonders reichhaltiges Lehrmaterial erstellen, wobei sie sich auf die Texte stützte.

 

Itard erfand für seinen Zögling eine eigene Methode des Lesenlernens.

 

Er klebte einen roten Kreis, ein blaues Dreieck und ein schwarzes Viereck auf ein Brett und gab den Jungen drei Stück Pappe der gleichen Größe, Form und Farbe, die er auf die Figuren legen sollte. Von dieser Übung ging er zu komplizierteren über und schließlich zu einem Satz von Pappbuchstaben Das Sortieren und Ordnen zu gleichen Paaren führte schließlich dazu, daß der Junge die Buchstaben LAIT (franz. Milch) heraussuchte, wenn er Milch wollte. Der Versuch des Lesens wird also mit manueller Tätigkeit gekoppelt.
Dieser Zusammenhang spielt auch bei Montessori eine Rolle.
Montessori übernimmt Theorie und Praxis ihrer “Lehrmeister” und führt zugleich über sie hinaus. Sie verfeinert und systematisiert das Ganze der Materialien.

 

Es entsteht das “Didaktische Material”.

 

Sie überträgt die Funktion der Materialien auf die Normalerziehung. Denn sie entdeckt, daß der Umgang nicht – behinderter Kinder mit diesen Materialien bei den Kindern eine Veränderung herbeiführt: Eine “Explosion” sowie “Konzentration” “die Normalisierung des Verhaltens”. Es gelang ihr, geistig zurückgebliebenen Kindern, das Lesen und Schreiben in Schönschrift beizubringen. Diese Kinder konnten dann in einer öffentlichen Schule zusammen mit “normalen” Kindern eine Prüfung ablegen, die sie auch bestanden. Sie stellte fest, daß glückliche und gesunde Kinder in gewöhnlichen Schulen auf sehr niedrigem Niveau gehalten wurden, da sie bei Prüfungen der Intelligenz von den behinderten Kindern, die Maria Montessori gefördert hat, eingeholt wurden. Montessori sieht das Problem der geringen geistigen Lernfähigkeit “normaler” Schüler in der ungenügend aktivierenden Umgebung der Schule selbst. Durch Montessori erreichte man eine grundlegende Verbesserung schulischer, aber auch vorschulischer Erziehungspraxis

 

5. Das Montessori Arbeitsmaterial

 

Itard entwickelte vor allem zwei Prinzipien, die dann bei Séguin und vor allem bei Montessori eine zentrale Rolle spielen.

 

5.1 Die Isolierung des einzelnen Sinnes beim Training

 

(siehe bei Montessori unterschiedlich große Einsatzzylinder, die der Schulung der Augen dienen, das Unterschiede in der Ausdehnung erkennen muß.)
Itard: “Da von allen Sinnen der Gehörsinn derjenige ist, welcher hauptsächlich zur Entwicklung unserer intellektuellen Fähigkeiten beiträgt, ….(). Ich kam zu dem Schluß, daß man dieses Organ, um es zu wecken, gleichsam isolieren müsse ..(). Demzufolge verband ich Victors Augen mit einer dichten Binde und ließ an sein Ohr die stärksten und einander unähnlichsten Töne schallen. Meine Absicht war, sie ihn nicht nur zu Gehör zu bringen, sondern sie auch von ihm unterscheiden zu lassen.”.

 

Aus Metall, Holz und Filz bestehen jeweils zwei Plättchen, die gemischt, mit geschlossenen Augen ertastet und einander zugeordnet werden. Unterschiedliche Flächenbeschaffenheit des Materials und verschiedene Temperaturempfindungen werden wahrgenommen.

 

  1. Aus Metall, Holz und Filz bestehen jeweils zwei Plättchen, die gemischt, mit geschlossenen Augen ertastet und einander zugeordnet werden. Unterschiedliche Flächenbeschaffenheit des Materials und verschiedene Temperaturempfindungen werden wahrgenommen.
  2. Sandpapierplättchen unterschiedlicher Körnung werden gemischt, mit verbundenen Augen ihrer haptischen Qualität entsprechend erfaßt und als Paare nebeneinander gelegt.

 

 

Einzelne Buchstaben in Schreibschrift sollen mit verbundenen Augen über die Fingerspitzen erkannt werden. Dies geschieht nur über den angerauhten Weg, den die Finger ertasten, hier mit der Erschwernis, daß die Buchstaben auf dem Kopf stehen.

 

5.2 Das Prinzip von grob unterschiedlichen Sinneseindrücken zu immer feineren Unterschieden zu gelangen.

 

(siehe Montessoris Farbtäfelchen, aber auch wieder Einsatzzylinder und Sinnesmaterial des Gehörsinnes)

 

Farbtäfelchen mit acht Grundfarben und jeweils acht Abtönungen sollen paarweise zugeordnet werden. Dies erfordert Konzentration.

 

Zur Unterscheidung verschiedener Dimensionen sind die Einsatzzylinder, (Abbildung 10 Einsatz- zylinder Montessoris), gedacht. Der Gesichtssinn wird angesprochen, gleichzeitig gilt diese †bung als eine wichtige feinmotorische Vorbereitung zum Schreiben. Das Kind faßt die “Knöpfe” der Zylinder mit den drei Fingern an, die es später zum Halten des Stiftes benutzt. Zehn Zylinder befinden sich in jedem der vier Holzblöcke, was beiläufig auf das Zehnersystem hinweist.

 

5.3 Anwendung des Materials

 

Der/die LehrerIn zeigt dem Kind die Übung, während es zuschaut. Dann probieren sie die Übung gemeinsam. Weil die Kinder nicht nur von Lehrern, sondern auch durch Nachahmung von älteren Kindern lernen, werden in Montessori Schulen altersheterogene Gruppen bevorzugt. So finden sich häufig zwei bis drei Klassenstufen in einem Raum.

 

“In einer Montessori – Umgebung werden die Kinder in gemischten Altersgruppen, die etwa drei Lebensjahre umfassen, zusammengefaßt, also etwa die drei- bis sechsjährigen, die sechs- bis neunjährigen und die neun- bis zwölfjährigen; wo immer möglich, wird den Gruppen eine leichte Zugangsmöglichkeit untereinander gewährt. Eine der zweckmäßigsten Neuerungen, die unsere Schule eingeführt hat, besteht meiner Ansicht nach darin, daß wir Kinder verschiedenen Alters in Gruppen zusammenfassen, in denen sie miteinander leben und lernen.”

 

Da gibt es nicht nur auf der materiellen Ebene Hilfe, irgendwie findet auch auf der Ebene der Handlungen und Gefühle wirklich etwas statt. Ich glaube, eines Tages wird man verstehen, daß es der Natur zuwider läuft, wenn man Kinder nach Jahrgängen voneinander trennt – es schafft Langeweile und erschwert den geistigen Austausch. Auch die intellektuelle Entwicklung wird behindert, wenn Personen gleichen Alters separiert werden, denn dies führt zu intellektuellem Wettbewerb, weil Erwachsene häufig, um Unterschiede zwischen den Kindern auszumachen, dazu Zuflucht nehmen, solche über und unter einem künstlichen Durchschnitt herauszufinden.

 

Die gemischten Altersgruppen ermöglichen es, daß nicht nur Wettbewerb verhindert, sondern auch Neid, Disziplinprobleme und exzessive Abhängigkeit von Erwachsenen abgebaut werden. Die sozialen Beziehungen der Kinder untereinander werden verstärkt.”

 

Bei den Materialien handelt es sich nicht um “Spielzeug”, mit dem Kinder gemeinsam spielen können (Montessori nennt es Arbeitsmaterial). Sie stellen vielmehr Hilfsmittel dar, die das Kind zu einer gegebenen Zeit benutzt, um bestimmte Funktionen zu entwickeln. Der Unterricht in einer Montessori Schule besteht zu einem großen Teil aus sogenannter “freier Arbeitszeit” bzw. “Freiarbeit”

 

5.4 Montessori stellt folgende Anforderungen an das Material

 

  • Das Material muß der individuellen Entwicklungsstufe des Kindes Rechnung tragen
  • Es soll die Aufmerksamkeit fesseln
  • Das Material muß ein hierarchisches Ordnungsprinzip enthalten
  • Die Anzahl des Materials ist begrenzt, es gibt von jedem Spielzeug nur eines, weil ein Überangebot die Aufmerksamkeit beeinträchtigt, außerdem hat dies auch eine soziale Bedeutung: die Kinder lernen zu warten, üben Geduld und es verleiht auch eine gewisse Qualität des Einzigartigen
  • Die Isolation einer einzigen Eigenschaft initiiert eine geistige Ordnung und fördert das Wachstum an Interesse und Konzentration
  • Das Material soll eine Fehlerkontrolle enthalten, zur Selbsterziehung, Unabhängigkeit der Erwachsenen und wegen der unmittelbaren Erkenntnis des Tuns, ob es richtig oder falsch ist
  • Das Material zeichnet sich durch Einfachheit aus
  • Es soll einen Ganzheitscharakter haben, das konkrete Einzelmaterial muß sich als Detail zugleich immer als Teil des Ganzen darstellen

 

Es gibt außer dem Sinnesmaterial und dem Sprachmaterial auch mathematisches Material: Das Multiplikationsbrett, das Hunderterbrett, das Divisionsbrett und das Streifenbrett zur Addition sowie die geometrischen Kreise. Darüber hinaus gibt es einen “Binomischen Würfel”, für blinde Kinder mit Rillen gekennzeichnet, die anderen Kinder orientieren sich an den Farben der Würfelseiten. Die Vorbereitung zur Algebra wird hierdurch schon im Kinderhaus spielerisch angedeutet
Die geometrischen Kreise sind beweglich und austauschbar. Sie dienen dem anschaulichen Lernen der Bruchrechnung. Dazu gibt es Aufgabenkarten, mit denen die Kinder Aufgaben gestellt bekommen.

 

5.5 Montessori Material: Übungen des täglichen Lebens

 

Séguin kannte auch bereits die Übung, eine Jacke zuzuknöpfen und einen Schuh zuschnüren zu müssen. Er ließ seinen Zögling Klötze in bestimmten Dimensionen miteinander kombinieren und legen um dem Griff Festigkeit zu geben.

 

Ein Nagelbrett, das mit Löchern durchbrochen ist, in die einige Nägel genau passen, die das Kind hineinsteckt und herauszieht, ist dafür gedacht, die Hand in Präzision zu üben.

 

Unähnliche Dinge werden durch Gegenüberstellung gelehrt. Übungen, die üblicherweise mit den Augen gemacht werden, werden mit den Fingern ausgeführt. Sitzen wird durch Stehen abgelöst. Aufmerksames Schweigen wird durch das Ausstoßen von Lauten ersetzt.

 

Zusätzlich gibt es auch Material zu den “Übungen des täglichen Lebens”. Die “Übungen des täglichen Lebens” bestehen bei Montessori aus Schnürriemen binden, Gürtelschnallen öffnen und schließen sowie aus kochen, putzen, waschen, bügeln, u.s.w.. Die Kinder lernen dies schon im frühen Alter, mit geeignetem kindgerechten Material, in der Größe an das Kind angepaßt, um sie so zur Selbständigkeit zu erziehen.

 

        

        

Montessori

Illustration from the 1916 cataloque of the “House of children” in New York City, one of the first manufacturers of Montessori education material.

 

6. Kurzer Überblick über die Maria Montessori – Methode

 

  • Leitsätze: 1. Hilf` mir es selbst zu tun
    2. Nicht das Kind soll sich der Umgebung anpassen, sondern wir sollten die Umgebung dem Kind anpassen.
    3. Selbsttätigkeit führt zur Selbständigkeit
  • Kinderhaus: reichhaltiges Angebot an “Arbeitsmaterial”, Möglichkeit zur Selbständigkeit, freie Arbeitsauswahl, individuelles Lerntempo
  • Erziehung und Entwicklung des Geistes durch Sinnesmaterial und Übungen des täglichen Lebens
  • Übergang von Kinderhaus zur Grundschule ist fließend und ohne Bruch, das Kind wird schon vor dem 6. Lebensjahr gefördert, ohne es zu überfordern
  • Konzept der Maria Montessori – Schule: geschlechts- und altersgemischte Gruppen kein 45-Minuten Takt, sachgebundene Arbeit am Entwicklungsmaterial, Lehrer ist Beobachter und Helfer, bzw. Begleiter
  • sachlich und räumlich vorbereitete Umgebung, Wahl- und Bewegungsfreiheit (Arbeit am Tisch oder auf dem Boden), Kontakt mit der Umgebung sammeln: natürliche, sensorische und kulturelle Erfahrungen
  • Kinder haben Zeit zur Entwicklung einer unschätzbaren Konzentrationsfähigkeit
  • Jahrgangsübergreifende Lerngruppen: Ältere Kinder helfen den jüngeren und haben dabei die Möglichkeit der Wiederholung, die anderen sehen im älteren Schüler den Helfer (Soziales Lernen)
  • Zeitpunkt zur Erreichung des Ziels bleibt dem Kind selbst überlassen- Zusammenarbeit mit den Eltern wird wichtig genommen: die Eltern hospitieren und dürfen Kritik anbringen
  • “Erziehung zum Frieden”, sie muß im frühen Kindesalter anfangen, der Erwachsene trägt die Verantwortung für die Entwicklung
  • Kind muß körperliche Aktivitäten frei entfalten können, Bewegung wird in Zusammenhang mit der Intelligenz gesehen: motorische Koordination, räumliches Wahrnehmungsvermögen, Lernen den Körper funktional zu gebrauchen, optimale Entwicklung der Psyche und des Intellekts hängt von physischer Bewegung ab, Umgebung (die bei Montessori eine wichtige Rolle spielt), wird durch Bewegung erforscht, Erlangung der Unabhängigkeit durch Bewegung,
  • Unterricht besteht zum größten Teil aus “Freier Arbeitszeit”
  • Respekt vor dem menschlichen Lebewesen in allen Stufen seiner Entwicklung
  • Erziehung als Lebenshilfe ,Hilfe für die menschliche Person, ihre Unabhängigkeit zu erobern
    vorbereitete Umgebung wird zum Erzieher, der Erwachsene nimmt sich immer mehr zurück (Entwicklung heißt: immer mehr Unabhängigkeit zu erlangen)
  • Erziehung zur Ordnung und Disziplin: Material hat einen ganz bestimmten Platz, zu dem es nach Benutzung zurückgebracht werden soll
  • Behinderte Kinder werden in Gruppen integriert (mehr Toleranz, soziales Lernen)
    Ziele der Erziehung: Selbständigkeit zur Lebensbewältigung, Disziplin, soziale Umgangsformen und Friedfertigkeit
  • Historischer Hintergrund des Modells: Reformpädagogik, Frauenbewegung – Kinderarbeit

    

7.1 Freie Arbeit

 

Die Freiarbeit nimmt in der Schule einen hohen Stellenwert ein. Die Räume müssen entsprechende Weite haben (Bewegungsfreiheit/psychisch wohltätige Wirkung). Das Kind kann sich im Klassenzimmer frei bewegen und sich beschäftigen (Beschäftigungsfreiheit). Der Raum muß auch die Möglichkeit der Isolierung bieten (Absonderungsmöglichkeit einzelner oder einer Gruppe) Die Umgebung ist ansprechend, wohnlich mit Pflanzen und Tieren gestaltet. Die Einrichtungsgegenstände lassen sich nach Belieben verschieben, solange die anderen Kinder nicht dabei gestört werden (Gestaltungsfreiheit). Tische stehen in Tischgruppen unterschiedlicher Größe, in der sich der Tisch des Lehrers eingliedert, die Kinder dürfen entscheiden, mit wem sie arbeiten wollen (Alleine, Partner- oder Gruppenarbeit).

An den Wänden stehen offene Regale , in denen Material zur Selbstbildung steht. Das Kind darf das Thema selbst wählen, das Material selbst wählen und darf auch von einem Klassenraum in den anderen gehen. Die Klassen- bzw. Gruppenräume sind nicht streng voneinander getrennt. (“Jede Gruppe hat ihre Umgebung, ist aber nicht voneinander isoliert”).

 

Damit es nicht zu Mißverständnissen führt: die Montessori – Schule gibt den Schülern nur eine begrenzte Auswahl an Material, die Kinder können nicht lernen, was sie wollen. Es gibt ein vorgeschriebenes Programm. Es wird den Kindern so viel Freiheit wie möglich, innerhalb des Rahmens, gegeben.

 

6.2 Sensible Phasen

 

(Den Begriff “sensible Phasen” hat Montessori 1917 von de Vries übernommen) “Der holländische Gelehrte de Vries entdeckte die Empfänglickeitsperioden bei den Tieren, und uns gelang es in unseren Schulen, dieselben “Sensiblen Perioden” auch in der Entwicklung der Kinder festzustellen und den Zwecken der Erziehung nutzbar zu machen.

 

Es handelt sich um besondere Empfänglichkeiten, die in der Entwicklung, daß heißt im Kindesalter der Lebewesen auftreten. Sie sind von vorübergehender Dauer und dienen nur dazu, dem Wesen die Erwerbung einer bestimmten Fähigkeit zu ermöglichen. So bald dies geschehen ist, klingt die entsprechende Empfänglichkeit wieder ab.”

 

“Im Bezug auf das Menschenkind, ist von besonderer Wichtigkeit: auf der einen Seite haben wir es mit einem inneren Anstoß zu tun, der zu den bewunderungswürdigsten Leistungen führt, auf der anderen mit Perioden einer Gleichgültigkeit, die blind und leistungsunfähig macht. Auf diese grundsätzlichen Entwicklungsstadien vermag der Erwachsene in keiner Weise von außen her einzuwirken. Hat das Kind aber nicht die Möglichkeit gehabt, gemäß den inneren Direktiven seiner Empfänglichkeitsperioden zu handeln, so hat es die Gelegenheit versäumt, sich auf natürliche Weise eine bestimmte Fähigkeit anzueignen; und diese Gelegenheit ist für immer vorbei.”

 

“Das Erlernen einer neuen Sprache nötigt den Erwachsenen zu harter Arbeit, und dennoch erreicht er niemals die Vollendung, mit der er seine in der Kindheit erworbene Muttersprache beherrscht. Das Kind macht seine Erwerbungen in seinen Empfänglichkeitsperioden. Diese sind einem Scheinwerfer vergleichbar, der einen bestimmten Bezirk des Inneren taghell erleuchtet, vielleicht auch einem Zustand elektrischer Aufladung.”

 

“Ist die Phase vorbei, so können weitere Errungenschaften nur mit reflektierender Tätigkeit, mit Aufwand von Willenskraft, mit Mühe und Anstrengung gemacht werden.” “Stößt das Kind jedoch während einer Empfänglichkeitsperiode auf ein Hindernis für seine Arbeit, so erfolgt in der Seele des Kindes eine Art Zusammenbruch, eine Verbildung.”

 

Montessori beschreibt in ihrem Buch “Kinder sind anders” ganz genau die “Sensiblen Phasen”. Sie erklärt, in welchem Alter Kinder für bestimmte Dinge empfänglich sind.

 

Die erläutert sie anhand von Beispielen aus der Praxis. Sie geht auch auf Anzeichen ein, die das Einsetzten der “Sensiblen Phasen” erkennen lassen. Unter anderem hebt sie auch die “Sensible Periode” des Ordnungssinns hervor. Sie stellt mit einigen Beispielen die quälenden Konflikte, die in der kindlichen Seele hervorgerufen werden, wenn das Kind im Umfeld eine Unordnung der Dinge und der Personen wahrnimmt, vor

 

6.3 Die kosmische Entfaltung des Kindes

 

Damit ist gemeint, daß alle Lebewesen mit ihrer Umgebung, in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen. Alle Lebewesen habe eine “kosmische Mission auf der Erde”. Wir sind alle Teil einer “kosmischen Ordnung” und haben den Auftrag, unsere Aufgabe zu erfüllen. Die Grundlage der Montessori – Erziehung ist, daß wir Teil dieser “kosmischen Ordnung” sind und die “kosmische Entfaltung” des Kindes berücksichtigen sollten. Die Bedürfnisse eines jeden lebenden Wesens sollen befriedigt werden. Wichtig ist ihr dabei der Respekt vor dem menschlichen Wesen in allen Stufen seiner Entwicklung

 

6.4 Polarisierung der Aufmerksamkeit zur Normalisierung des individuellen – schöpferischen Lebens

 

Damit ist gemeint: Die Aufmerksamkeit des Kindes ist auf eine einzige Sache gerichtet, zum Beispiel auf die Handhabung eines bestimmten Materials. Diese Konzentration bewirkt bei dem Kind eine sogenannte “Normalisierung”. Läßt man das Kind in Ruhe mit der bestimmten vorbereiteten Umgebung, dann entwickelt es sich “normal”. Dazu gibt es ein berühmtes Beispiel, das sich als Montessori – Phänomen bezeichnen läßt und in die Geschichte der Pädagogik eingegangen ist.

 

Montessori erzählt eine Begebenheit von einem dreijährigen Mädchen, das tiefversunken mit einem Einsatzzylinderblock beschäftigt war:

 

“Zu Anfang beobachtete ich die Kleine, ohne sie zu stören, und begann zu zählen, wie oft sie die Übung wiederholte, aber dann, als ich sah, daß sie sehr lange damit fortfuhr, nahm ich das Stühlchen, auf dem sie saß, und stellte Stühlchen und Mädchen auf den Tisch; die Kleine sammelte schnell ihr Steckspiel auf, stellte den Holzblock auf die Armlehnen des kleinen Sessels, legte sich die Zylinder in den Schoß und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Da forderte ich alle Kinder auf zu singen; sie sangen, aber das Mädchen fuhr unbeirrt fort, seine Übung zu wiederholen, auch nachdem das kurze Lied beendet war. Ich hatte 44 Übungen gezählt; und als es endlich aufhörte, tat es dies unabhängig von den Anreizen der Umgebung, die es hätte stören können; und das Mädchen schaute zufrieden um sich, als erwachte es aus einem erholsamen Schlaf – Mein unvergeßlichen Eindruck glich, glaube ich dem, den man bei einer Entdeckung verspürt.”

 

7. Die Rechte des Kindes

 

Der Text über die “Rechte des Kindes” aus der Zeitschrift für Montessori – Pädagogik “Das Kind” enthält zehn Grundsätze. Er wurde mit der Genehmigung der deutschen UNESCO – Kommission abgedruckt. In groben Stichworten behindert er die Grundsätze,

  • die das Kind schützen
  • ihm Fürsorge
  • Anspruch auf Unterricht
  • Hilfe
  • Erziehung körperliche und seelische Gesundheitsförderung (ärztliche Betreuung)
  • staatliche und anderweitige finanzielle Unterstützung
  • soziale Sicherheit
  • keine Benachteiligung wegen Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Geburt oder sonstiger Umstände
  • ausreichende Ernährung
  • Wohnung
  • und Erholung zusichern

 

8. Bedingung der Erziehung: Verständnis der Erwachsenen

 

Der Anspruch Montessoris ist der, die Erwachsenen im Hinblick auf ihr Verhalten zu den Kindern zu sensibilisieren und zu verändern. Sie kritisiert die Erwachsenen vor allem in “Kind sind anders”.
Sie beschreibt, wie schon direkt nach der Geburt das Baby unsanft berührt, gewaschen, in Decken und enge Kleidung gehüllt, grellem Licht und Kälte ausgeliefert und der Mutter fortgenommen wird. Montessori hat hierzu ein Gedicht geschrieben (siehe “Kinder sind anders”, Seite 33 ff).

 

Das Verhalten der Erwachsenen beschreibt sie wie folgt:
“Der Erwachsene ist in seinem Verhalten zum Kind egozentrisch – nicht egoistisch, aber egozentrisch. Alles was die Seele des Kindes angeht, beurteilt er nach seinen eigenen Maßstäben, und dies muß zu einem immer größeren Unverständnis führen. Von diesem Blickpunkt aus erscheint ihm das Kind als ein leeres als ein träges und unfähiges Wesen, dem er jegliche Verrichtung abnehmen muß, als ein Wesen ohne innere Führung, das der Führung durch den Erwachsenen bedarf. Schließlich führt sich der Erwachsene als Schöpfer des Kindes und beurteilt Gut und Böse der Handlungen des Kindes nach dessen Beziehungen zu ihnen selbst. So wird der Erwachsene zum Maßstab von Gut und Böse. Er ist unfehlbar, nach seinem Vorbild hat sich das Kind zu richten, und alles im Kinde, was vom Charakter des Erwachsenen abweicht, gilt als ein Fehler, den der Erwachsenen eilends zu korrigieren sucht.

 

Mit einem solchen Verhalten glaubt der Erwachsene um das Wohl des Kindes eifrig, voll Liebe und Opferbereitschaft besorgt zu sein. In Wirklichkeit aber löscht er damit die Persönlichkeit des Kindes aus.”

 

9. Relevanz und Verbreitung des Modells Maria Montessoris in Kultur und Praxis

 

Die Montessori – Methode ist auf der ganzen Welt heute noch sehr verbreitet und es entstehen immer mehr Montessori – Kinderhäuser und Montessori – Schulen.
Viele Straßen wurden nach ihr benannt. Um nur einige zu nennen:

 

  • Montessori – Allee in Bonn Maria Montessori
  • Straße in Wallenhorst Montessori
  • Straße in der Ortsgemeinde Niederolm

Darüber hinaus gibt es viele Schulen, Organisationen und Privatleute, die ihre Konzepte, Satzungen und Referate weltweit im Internet anbieten. Allein die Internetsuchmaschine ALTAVISTA bietet zu dem Schlüsselwort “Montessori” genau 17.926 Verweise an. Ein kleine Auswahl der “links”:

 

  • Montessori Network http://www.montessori.org
  • Montessori World Ltd. http://www.montessori.co.uk
  • Montessori Foundation centre (Virginia)
  • American Montessori Society (New York)
  • Association Montessori International (AMI, Cansas City)
  • Miami Montessori Teacher Training Institute at Alexander – Montessori – School
  • Über 30 Schulen in Amerika, die sich online im Internet präsentieren

 

(Diese Quellen habe ich unter anderem bei der Recherche zum meinem Referat genutzt.)

 

Die Elemente der Montessori – Pädagogik und das Material sind auch in “Nicht – Montessori – Schulen” weit verbreitet. Das Kultusministerium führte in allen Schulen Material ein, das Montessori benutzte.

 

Die Umgebung nach Montessori ist eine gute Alternative zur allgemeinen Reizüberflutung. Das Material überzeugt durch Einfachheit, es ist übersichtlich geordnet und in nicht zu großer Anzahl vorhanden. Zusätzlich ist das Montessori – Material sehr gut für behinderte Kinder geeignet.

 

Auch heute noch sollten sich Eltern, ErzieherInnen, PädogInnen und LehrerInnen mit den Grundsätzen ihrer Methode befassen. Immer noch werden die Bedürfnisse des Kindes zu wenig beachtet. Außerdem besteht zu wenig Wissen und Sensibilität über die Auswirkung des Verhaltens durch den Erwachsenen auf das Kind und sein späteres Leben.

 

10. Quellennachweis

 

Literatur:
Helmut Heiland: Maria Montessori,
Rororo (1996)

 

Renilde Montessori: Uns drückt keine Schulbank,
Karin Schneider-Henn: Erziehung im Bild,
Klett-Cotta, Stuttgart 1983

 

Maria Montessori: Kinder sind anders,
Klett-Cotter, Stuttgart 1952

 

Maria Montessori, Schule des Kindes – Montessori Erziehung in der Grundschule, Hrsg.: Paul Oswald & Günter Schulz-Benesch. Freiburg i. Br.
(Herder 1976, 2. Aufl. 1987)

 

Rita Kramer: Maria Montessori. Leben und Werk einer großen Frau.
München (Kindler) 1977

 

Edward M. Standing: Maria Montessori. Leben und Werk.
Stuttgart (Klett) 1959

 

Krenberger (Hg.): Edward Séguin

 

Internet:

 

Montessori Network http://www.montessori.org

Montessori World Ltd. http://www.montessori.co.uk

London Montessori Centre Online http://www.montessori.ac.uk

http://www.missouri.edu

Stefan Seigel http://www.stepnet.de/privat/seigel/

 

Vorlesung:

 

Seminar Theorien und Modell der Sozialpädagogik, Klaus Tophofen

 

Falls euch das Referat gefallen hat oder ihr einige Verbesserungsvorschläge bieten könnt oder einfach nur mir so eine “Feedback” geben möchtet: Claudia.Onida@topmail.de

 

von Claudia Onida mit freundlicher Genehmigung